Mit Hund durch Berlin: Obdachlose, irakische Kinder und ein TZH

Der Hund meines Lebens liegt im Bad auf den Fliesen und kühlt sich ab. Die Sommerrituale des Teilzeithundes (TZH) im häuslichen Umfeld: Ein Sonnenbad auf dem Balkon, eine Abkühlung im Badezimmer, ein Gang zum Wassernapf. Und schon ist es wieder Zeit, sich die Sonne auf den weißen Pelz brennen zu lassen… Draußen dagegen beginnen wir im Sommer den Spaziergang fast immer mit einem schnellen Bad. Danach ist es vorbei mit der Routine. Allmählich frage ich mich, warum Menschen ohne Hund überhaupt spazieren gehen. Das muss entsetzlich langweilig sein, denke ich, seit ich mein Leben mit einem Hund teile.

Meine Kommunikationsexpertin nach dem Bade.

Die Kommunikationsexpertin nach dem Bade.

Vorgestern suchten wir eine Brache bei uns im Kiez auf. Das Grundstück gehört zur Hälfte der Stadt, zur Hälfte einem glücklicherweise anscheinend inzwischen mittellosen Investor. Der Baubeginn des geplanten Apartmenthauses wird jedenfalls immer wieder verschoben, was Hunde und Menschen sehr begrüßen. Die Fläche ist hübsch begrünt, und wie jeden Sommer haben sich dort einige Wohnungslose niedergelassen. TZH und ich wurden von wildem Gebell empfangen: Zwei mittelgroße Schäferhund-Mischlinge bewachten offensichtlich ein Zelt im Gebüsch. Zu ihnen gesellte sich ein Mann Ende 40, mit langen Haaren und schlechten Zähnen. Wir kamen ins Gespräch, während sich unsere Hündinnen zunächst misstrauisch umrundeten und schließlich gemeinsam über die Wiese tobten. Seine Frau und er haben vor einigen Wochen auf der Brache ihr Zelt aufgeschlagen. Im Sommer, erzählte er, meiden die beiden Obdachlosenasyle, vor allem, weil beide trockene Alkoholiker sind. Sie versuchen, wieder selbst Geld zu verdienen und eine Wohnung zu finden, seit sie ihren Alkoholismus in den Griff bekommen haben – bislang ohne Erfolg. Auf der Brache haben sie einige Nachbarn, deren Lager tiefer im Gebüsch versteckt sind. Aktuell wohnen auf der Fläche noch drei osteuropäische Bauarbeiter und ein deutscher Punk, der jeden Morgen früh aufbricht, um Obdachlosen-Zeitungen in der U-Bahn zu verkaufen.

Gestern genossen TZH, einige gemeinsame Freunde und ich den lauen Sommerabend im Görlitzer Park, als uns zwei junge Männer in Begleitung zweier Jungen im Vorschulalter ansprachen. Ob die Kinder den Hund streicheln dürften? Leider schätzt es TZH gar nicht, von wildfremden Menschen mit Liebesbezeugungen überschüttet zu werden. Das verstehe ich gut, ich bin ebenso wählerisch. Kindern biete ich oft an, dass sie TZH einen Hundekeks geben dürfen: Wenn es um Futter geht, vergisst sie ihre Schüchternheit sofort. Den beiden Jungen habe ich gezeigt, wie sie für TZH ein Stöckchen werfen können, und schon waren Hund und Kinder die besten Freunde. Die Kinder verstanden offensichtlich kein Deutsch. Ihre Begleiter erzählten, die beiden seien Verwandte aus dem Irak und einige Wochen in Berlin zu Besuch. Einer der Jungen hat die seltene „Mondscheinkrankheit“: Sonnenstrahlen lösen bei ihm Hautkrebs aus, und er darf immer erst nach Sonnenuntergang das Haus verlassen. In Berlin sucht er mit seinen in Deutschland lebenden Verwandten einmal jährlich verschiedene spezialisierte Ärzte auf. Die beiden in Berlin geborenen Männer hatten mehrfach in den letzten Jahren die Familie im Irak besucht. Für die Dauer von zwei Zigarettenlängen gaben sie uns einen Einblick in den irakischen Alltag. Ohne Hund aber wären wir niemals mit den beiden ins Gespräch gekommen: Görlitzer Park. Zwei arabisch wirkende junge Männer. Einer der beiden bekleidet mit einem T-Shirt mit dem Aufdruck „Cocaine King“ als Persiflage auf das bekannte CK- Kürzel – da läuten normalerweise meine Alarmglocken, so peinlich es ist.

Wer in der Stadt mit Hund unterwegs ist, erfährt mehr: Über die eigenen Vorurteile, die tristen sozialen Realitäten der Wohnungslosen, den Alltag im Irak und seltene Krankheiten. Ich kann neugierigen Menschen ausdrücklich empfehlen, ihr Leben in Voll- oder Teilzeit mit einem Hund zu bereichern. Kleiner Tipp: Tausende von Hunden sitzen im Tierheim und warten darauf, unbedarften Großstädtern und Landeiern ganz neue Seiten ihrer Umwelt zu eröffnen.

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